Das Wiedersehen: “Ich geh dann mal ins Bett”

Gepostet am von zediron
Papa, Mama, Kind - die Familie Zediron ist wieder vereint.

Papa, Mama, Kind – die Familie Zediron ist wieder vereint. Das Wiedersehen sah aber anders aus, als erwartet.

Ein kontroverses Wiedersehen

Es ist vorbei. Ich bin kein Strohwitwer mehr. Die Zeit endloser Freizeit und die Zeit endloser Stille in der Wohnung sind vorbei. Kind und Kegel sind seit gestern Nachmittag wieder da.

Sohnemann stand wie ein Honigkuchenpferd vor der Tür, als er klingelte, ich das Türschloss aufschloss und die Tür öffnete. Er begrüßte mich mit einer rausgestreckten Zunge. Nicht der Art von rausgestreckter Zunge, die beleidigen soll, sondern die Tür, die Genuss ausdrückt. Er fiel mir direkt in die Arme. Minutenlange Geknuddel.

Meine Freundin war an der Stelle praktisch veranlagt. Anstatt sich in das Familienkuscheln einzugliedern, räumte sie die ersten Tüten und Koffer in den Hausflur. Je schneller die Familienkutsche leergeräumt ist, desto eher kann schließlich die Erholung einsetzen. Dachte ich.

Wir spielten eine Partie Memory. Sohnemann freute sich. Er verlor zwar, aber da Papa auch verloren hatte, konnte er minutenlange “Papa hat verloren”-Gesänge anstimmen. Beste Erziehung, der junge Mann.

Danach hätte ich eigentlich für ein spontanes Nachmittagsschläfchen ins Bettchen ausweichen wollen. Falsch gedacht. Meine Freundin kam mir zuvor. “Ich leg mich dann eben eine Stunde hin” – und schwupps war ich mit einem unausgelasteten Dreijährigen allein. Grundsätzlich ist ihr Handeln verständlich. Sie war gute fünf Stunden früher aufgestanden als ich und hatte auch noch sechs Autofahrstunden hinter sich. Ich hingegen habe nur Wäsche gewaschen.

Danach Abendessen, Sohnemann in den Schlaf kuscheln. Gegen 21 Uhr hatten meine Freundin und ich Zeit für uns. Das Kind lag im Bett, die Mägen waren gefüllt, die Tiere versorgt. Ich hätte meinen Gürtel direkt öffnen können. Stattdessen klappte meine Freundin den Laptop auf. Häuser in unserer Kleinstadt gucken. Das machen wir häufiger. Der Hauskauf ist ein Thema, das meine Freundin und ich für die nähere Zukunft ins Auge gefasst haben. Die Preise liegen hier im durchaus bezahlbaren Rahmen.

Wir guckten gemeinsam, schauten uns zahllose Fotos mit Außenwänden, Vorgärten, Wohnzimmern, Bädern und Küchen an. Ganz nett. Ein Haus war richtig top. Sieben Zimmer, eine Galerie… meine Freundin stellte gedanklich schon zahllose Bücherregale auf. Nebenan lief der Freiburger Tatort. Irgendeine abstruse Geschichte über einen Jobcenter-Mitarbeiter, der seine Macht ausnutzte, um zum Schuss zu kommen, Hartz IV-Kiddies mit hirnlosen Mutproben und eine Heike Makatsch, die mir entschieden zu dicke Lippen hat. So genau habe ich nicht drauf geachtet. Viel Sinn ergab die Geschichte jedenfalls beim flüchtigen Nebenbei gucken nicht. Spannend war sie sowieso nicht. Und dann war es bereits viertel nach elf.

Entsetzen bei meiner Freundin. “Ich muss in sechs Stunden aufstehen”. Noch mehr Entsetzen in meinem Gesicht – Häuser gucken, Tatort glotzen. Das ist mein Abend nach neun Tagen ohne Freundin. Ich fühlte mich wie sechzig, nicht wie dreißig. Ich fühlte mich unerträglich langweilig. Meine amourösen Avancen blockte meine Freundin entschieden ab. “Dafür ist keine Zeit mehr”, entschied sie.

Objektiv betrachtet hatte sie Recht. Es war kurz vor Mitternacht, als wir im Bett lagen. Und der Wecker ist ein Arschloch. Er kennt keine Gnade. Aber da war dieses Gefühl, dieses Gefühl, dass der Abend falsch war. Dass ein Wiedersehen so nicht aussehen sollte. Ich grübelte noch eine Weile im Bett, überlegte, ob ich mich an den PC setzen und meinen Eindruck verschriftlichen sollte. Ich entschied mich dagegen, Faulheit und Vernunft siegten. Aber ich habe es nachgeholt. Jetzt. Die Faulheit ist vergangen, ob das Schreiben allerdings vernünftig ist, bin ich mir unsicher. Das Leben stellt uns eben ständig vor Entscheidungen, die sich nicht mit einem schlichten Richtig oder Falsch beantworten lassen.

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