Liebe Leute: Dieser Martini-Geiz ist peinlich

Gepostet am von zediron
Die Laterne meines Sohnes: eine selbst gebastelte Schnecke. Kreiert im Kindergarten.

Die Laterne meines Sohnes: eine selbst gebastelte Schnecke. Kreiert im Kindergarten.

 

Liebe Leute: Dieser Martini-Geiz ist peinlich

Es gibt diese unausgesprochenen Regeln in der Gesellschaft. Normative, für die es kein BGB braucht, weil sich jeder dran hält, der die Gesellschaft zusammenhalten will. Und wer außer einigen Destruktionsromantikern würde ernsthaft das Gegenteil wollen? Eine dieser Regeln davon in Ostfriesland: Am 10. November dürfen Kinder Süßigkeiten schnorren. Dafür basteln sie im Vorfeld bunte Laternen, lernen Lieder oder Gedichte auswendig. Manche kostümieren sich. So bewaffnet ziehen sie durch die Straßen, klingeln an den Haustüren, tragen ihr Gelerntes vor – und werden mit Süßigkeiten und kleinem Applaus belohnt. Ein gesellschaftlicher Deal. Wir schnorren – andere Kinder schnorren. Im Prinzip reine Hin- und Hertauscherei, prinzipiell so überflüssig wie Geschenke zu Weihnachten und Geburtstagen. Und doch eine nette Tradition mit kleinen Aufmerksamkeiten, die Kinder erfreuen. Daran beteiligen sich eigentlich alle, Geschäfte wie private Haushalte. Wer wollte schon der Geizknochen sein, der dem Nachwuchs eine süße Gabe verweigert?

Offenbar einige. Mit meinem vierjährigen Sohnemann zog ich heute durch die Siedlung. Für die hoch frequentierte Innenstadt erscheint er mir noch zu klein und besitzt nicht die ausreichende Ausdauer (und Gier), um dort zielführend zu schlendern. Warum auch? Hier in der Siedlung sind ausreichend Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften ausreichend betuchter Menschen, die sich an diesem Deal beteiligen könnten. Es war heute das dritte Mal, dass ich mit ihm Martini lief. Ich verweise bewusst auf den dritten Versuch, denn das Erlebte ähnelt sich, auch wenn die Siedlung gewechselt ist. Meine Freundin hütet derweil das Haus für andere Kinder. Der Deal.

 

Ein Deal der Vergangenheit

Dieser Deal muss in den vergangenen 20 Jahren aufgekündigt worden sein. Zu meiner Zeit war es selbstverständlich, dass man nahm – und die Eltern gaben. Heute dominiert in vielen Häusern Düsternis. Etwa die Hälfte aller Haushalte ignorierte in unserem Streifzug diesen Generationenvertrag. Vor allem jene Haushalte, in denen pubertierende Kinder schon eine Weile nicht mehr durch die Straßen schlendern – und bald wieder durch die Straßen schlendern, um alkoholische “Süßigkeiten” abzugreifen. Das ist absurd. In den Häusern brennt das Licht, Leute rennen erkennbar durch das Haus – aber die Tür bleibt geschlossen. Keine Überraschung, dass augenscheinlich das Groß der Eltern auf die Geschäfte ausweicht – und in den Siedlungen Haushalte auf ihren Bonbonbergen sitzen bleiben.

Denn etwas anderes ist gestiegen: Die Masse, die gegeben wird, wenn etwas gegeben wird. Ganze Hände voller Süßigkeiten wanderten in den Kleinkindrucksack meines Sohnemanns. Manche Menschen hatten so wuchtige Gaben geschnürt, dass sie keinen Platz in Sohnemanns Taschen fand. Papa war zum Glück vorbereitet. Das andere Extrem. Einige gleichen offenbar den Geiz den anderen aus. Sohnemann hat bei seinem einstündigen Spaziergang keine schlechte Ausbeute gemacht. Er kann zufrieden sein – und ist es auch.

Papa ist auch zufrieden. Nicht über das Verhalten einiger Mitmenschen, das finde ich schäbig. Als mache es jemanden ärmer, einige Süßigkeiten zu verteilen. Papa ist zufrieden, weil sich Sohnemann toll geschlagen und selbstbewusst sein Laterne-Liedchen geträllert hat. Papa musste bei keinem Haus helfen. Das war toll – aber dieser Martini-Geiz ist peinlich.

 

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2 Kommentare Tritt dem Gespräch bei

  1. totallygamergirl 10. November 2017 als 20:20 - Reply

    Wie schade. Wir waren kürzlich zu Halloween unterwegs und haben gänzlich andere Erfahrungen sammeln dürfen. Manche Menschen standen sogar verkleidet mit Körben in der Hand vor der Tür und hatten viel Deko stehen, andere hatten Süßigkeiten vor der Türe stehen und da war auch nicht geplündert. Man sah da war schon wer, aber es war noch reichlich Zeug da. Die alten Leute haben sich meit sehr über die Kinder gefreut, obwohl echt viele unterwegs waren und da schon wieder jemand klingelte, kaum waren die Kids davor weg.

    Nur wenige haben trotz offensichtlicher Anwesenheit nicht geöffnet und die Gaben waren wohl “dosiert”. Schade, wenn es bei euch nicht so sehr klappt. Ausnahmen gab es hier nur sehr wenige. Es gibt gewisse Straßenzüge, da ist Halloween besonders angesagt. In anderen weniger. Da wurde auch schon Mal ein Geldstück in die Hand gedrückt, einmal sogar ein Schein und Familien gaben ganze Hände voller Süßigkeiten. Aber kaum.

    Es wäre echt wünschenwert, wenn Martini, Halloween und Co. überall so ablaufen könnten. Eine Tüte Süßigkeiten ist nun echt erschwinglich und wer so gar keinen Bock drauf hat, kann ja die Klingel abschalten oder stellt einen Korb raus.

    Wobei ich zugeben muss, die Quote der Häuser die sich beteiligt haben war deutlich größer, wo auch Halloween angesagter ist. In anderen Straßenzügen waren viele Häuser dunkel und man klingelte eher vergeblich. Ich vermute wenn wir uns hier mehr in solchen Gegenden aufgehalten hätten, wäre unser Abend auch sehr viel anders verlaufen. Der Faktor Uhrzeit schien auch nicht ganz unbedeutend. Mit zunehmenden Abend schienen einige dann doch keinen Bock mehr auf die Menge Kids zu haben. Wir waren etwa eine Stunde unterwegs – wie ihr auch. Türen die wir ganz am Anfang ignoriert haben und später abgehen wollten, haben oft nicht geöffnet, obwohl wir da eine gute Stunde vorher Leute haben rauskommen und geben sehen. Aber auch wir fanden den Abend trotz kleiner Rückschläge insgesamt gelungen und die positiven Begegnungen waren in der Überzahl. Es gibt also Hoffnung. 😉

    • zediron 11. November 2017 als 12:01 - Reply

      Vielleicht müssten wir auch an Halloween unterwegs sein. Wobei ich da den Eindruck hatte, dass sich das Fest hier mehr auf Partys als auf Süßigkeiten-Tour beschränkt. Mal schauen, wie es nächstes Jahr aussieht…

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