Petry in Wiesmoor: Die sichtbare Spaltung der Gesellschaft

Gepostet am von zediron
Frauke Petry in Wiesmoor: Die AFD-Politikerin sprach über den Euro, Familien, die Abschaffung des Bargelds, Bildung, Rente - und den Islam sowie die Pressearbeit.

Frauke Petry in Wiesmoor: Die AFD-Politikerin sprach über den Euro, Familien, die Abschaffung des Bargelds, Bildung, Rente – und den Islam sowie die Pressearbeit.

Petry in Wiesmoor: Ein Anhänger schimpfte “Erdogan schickt uns nur die Krüppel und die Doofen”

Flüchtlingskrise, Islam, Euro, Familien: Frauke Petry hat gestern, am Freitag, 3. Juni, 2016, in Wiesmoor im Saal des Hotels “Torfkrug” ihre Rede gehalten. Ich bin politisch zwar ein liberal eingestellter Mensch, aber wann hat man schon mal politische Prominenz fast vor der Haustür? Petry in Wiesmoor? Was konkret in meinem Fall in der Nachbarstadt heißt. Also hinfahren, anhören, ein eigenes Bild machen. Das war erschreckend. In vielerlei Hinsicht.

Es war ziemlich heiß, die Gewitter der vergangenen Tage haben einen Bogen um Ostfriesland gemacht. Es war aber nicht nur das Wetter, das im Torfkrug zu brachial heißen Temperaturen führte, Etwas von der hitzigen Atmosphäre muss schon vorher nach außen gedrungen sein. Direkt gegenüber des Hotels hatte die LINKE zu einer Gegendemonstration geladen. Etwa 300 vorwiegend jugendliche Besucher waren dem Aufruf gefolgt. Eine Straße und ein großer Trupp zweireihig postierter Polizisten trennten die Demonstranten von den AFD-Anhängern und Interessierten auf der anderen Straßenseite. Während ich an den Demonstranten vorbei flanierte, gab es “Nazis” und “Wir wollen keine Nazischweine”-Schmährufe. Offenbar scheint für die engagierten, aber nicht besonders differenziert denkenden Demonstranten jeder Besucher dieser Veranstaltung der Auswurf einer braunen Biomasse zu sein. Diese Ansicht ist gefährlich, sie bagatellisiert tatsächliche Nazis. Und sie dürfte auch nicht zutreffen, die Besucher der Veranstaltung trugen jedenfalls weder Springerstiefel noch Glatze. Polunder und hochgegurtete Hosen waren an der Mode-Front eher angesagt. Mich fröstelte, trotz heißer Temperaturen, als ich ein Absperrband überquerte und mich am Eingang des Hotels in eine Besucher-Warteschlange einreihte.

 

Petry in Wiesmoor: Die Altherrenpartei

Im Saal saßen und standen rund 300 Menschen. Überwiegend im gehobenen Alter, überwiegend männlich. Wenn das die Nazis von heute sind, steht Deutschland in wenigen Jahren eine sehr linke Zukunft bevor. In ihrer Rede grub Petry in Wiesmoor die Euro-Krise wieder aus, sprach über die Schwäche der Polizei, die vermeintlich drohende Abschaffung des Bargelds, bemängelte das sinkende Bildungsniveau, schimpfte über die mangelhafte finanzielle Unterstützung für Familien in Deutschland, forderte an vielen Stellen Volksentscheide. Wenig Aufreger-Themen, vieles davon hätte ich direkt unterschreiben können. Oder findet hier jemand, dass es Familien heutzutage besonders leicht haben?

Noch eine Überraschung. Als sie auf das Thema “Rente” zu sprechen kam, wies die AFD-Politikerin darauf hin, dass das Rentenniveau weiter sinken müsse. Die Bürger hätten es versäumt, selber vorzusorgen und hätten, gestützt durch die Aussagen von Norbert Blüm, eine Vollversorgungs-Mentalität dem Staat gegenüber entwickelt, “obwohl es ja auch schon jetzt viele gibt, die mit ihrer Rente nicht mehr hinkommen”. Ist sicherlich eine legitime Sichtweise. Mutig aber in Anbetracht der Wählerschaft. CDU und SPD sind da mit Wahlgeschenken für Rentner strategisch besser aufgestellt. Und was mit den Armuts-Rentnern passieren soll, ließ die Politikerin offen.

Zum Ende ihres rund einstündigen Vortrags kam Petry in Wiesmoor auf Religion zu sprechen und holte damit zum eigentlichen Wahlkampfthema der AFD aus – dem (politischen) Islam. Bevor Petry in Wiesmoor allerdings das Wort “Islam” das erste Mal in den Mund nahm, forderte sie eine generell strikte Umsetzung der Trennung von Staat und Religion. Bin ich übrigens bei ihr. Ganz ohne Islam-Bashing ging es dann aber natürlich doch nicht. Petry erzählte von Richtern, die in Justizkreisen überlegten, ob sie Kinderheiraten zulassen (!) sollten und über österreichische Forscher, die von EU-Gelder geförderte Forschungen zu Vor- und Nachteilen von Steinigungen (!) trieben. Der Part war erschreckend. In mehrfacher Hinsicht. Er hatte etwas sehr verschwörungstheoretisches.

Auch die Flüchtlingskrise und der EU-Türkei-Deal bekamen das erwartete Fett weg. Merkel habe es im vergangenen Herbst versäumt, die Grenzen zu schließen und mit den Worten “Wir wissen nicht, wie viele Flüchtlinge noch kommen” die Herrschaft über den Staat abgegeben. Die Vorwürfe sind nicht neu, die Thematik freilich wesentlich komplizierter als es in den Worten der Befürworter und Kritiker deutlich wird. Da nahm sich Petry in Wiesmoor nichts mit anderen Politikern. Regte aber zum Klatschen im Publikum an, generell scheinen die Themen “Islam” und “Flüchtlinge” die potenzielle Wählerschaft der AfD weiterhin ganz besonders zu interessieren.

Den Abschluss des Vortrags mit einer Schelte gegen die “Lügenpresse” hätte es nicht gebraucht, fühl mich da immer noch angegriffen, auch wenn ich nicht als Pressevertreter vor Ort war und hauptberuflich nicht mehr als Journalist arbeite. Für die hiesigen Pressevertreter kann ich aus persönlicher Erfahrung heraus sagen, dass der überwiegende Teil politisch neutral arbeitet und in dieser Hinsicht einen hervorragenden Job macht. Petry findet vor allem eine Zeitung gut, die “Junge Freiheit”, die “sehr neutral über Vorgänge” berichtet. So ähnlich sprechen Linke übrigens von der TAZ. Beides natürlich Blödsinn.

 

Die Fragerunde im Anschluss: Herr, lass Hirn regnen

Spooky war weniger Petrys Vortrag, als die Fragerunde am Ende der Veranstaltung. Ein Senior schimpfte über den EU-Türkei-Deal mit “Erdogan schickt uns nur die Krüppel und die Doofen”, ein Kaninchenzüchter wollte erklärt bekommen, wieso er mit dem Spruch “Schatz, lass uns mal für die Rente arbeiten” mit seiner Frau keine Kinder machen kann. Da fiel selbst Petry das bemühte Lächeln aus dem Gesicht. Ein Dritter schimpfte über die Ungleichheiten zwischen Renten und Pensionen. Glaube ich. So ganz klar war das nicht. Der Senior redete so langsam und verworren, dass er gefühlte fünf Minuten benötigte, um seine Frage zu formulieren. Den Spruch “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold” hätte mancher Besucher vielleicht besser beherzigt.

Teile des Publikums waren schon vorher sehr grenzwertig in Erscheinung getreten. Ein früherer Arbeitskollege von mir war als Journalist anwesend. Ich hatte vor der Veranstaltung schon eine Runde mit ihm gequatscht. Netter Typ. Aber: südländisches Aussehen. Vollkommen egal, sollte man meinen. Offenbar nicht für alle Besucher. Jedenfalls lief er während des Vortrags einmal an mir vorbei, nachdem Petry kurz vorher über fehlende Kinder gesprochen hatte. Er grinste mich an und scherzte, dass ich losgehen und meiner Freundin ein weiteres Kind machen sollte. Dann war er wieder im Getümmel verschwunden. Da hörte ich von einem Mann hinter mir den missbilligenden Spruch “So lange der keine weiteren Alis macht”. Der Kollege ist übrigens “urdeutsch” und hat auch einen “urdeutschen” Namen. Nicht vom Umschlag eines Buches auf seinen Inhalt schließen, lieber AfD-Anhänger.

Auch, dass ich offenbar der einzige war, der über “verkrüppelte und doofe” Syrer nicht lachen kann, sondern mir die Hand vor den schüttelnden Kopf schlug, verwunderte mich. ich lasse es Senioren ja durchaus durchgehen, wenn sie sich nicht immer politisch über korrekt ausdrücken, viele heute verpönte Begriffe hat diese Generation halt noch als normale Umgangssprache kennengelernt. Aber da hätte ich mir von den jüngeren Besuchern eine andere Reaktion erwartet. Petry hat diese Äußerung nicht kommentiert.

Nach zwei Stunden verließ ich die Veranstaltung. Ich hatte mir ein umfassendes Bild gemacht. Am Ende fand ich beide Seiten erschreckend. Die Masse der Demonstranten grölt undifferenziert “Nazis”, der Masse der AfD-Anhänger schimpft undifferenziert über Muslime und Flüchtlinge. Als wenn alles so einfach wäre.

Das könnte Euch auch interessieren

||||| 1 Gefällt mir |||||

Ein Kommentar Tritt dem Gespräch bei

  1. Leonardo da Vinci 4. June 2016 als 13:50 - Reply

    1.) Zu den Kinderheiraten:

    Kinderehen nach Scharia-Recht spalten deutsche Justiz
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article155837698/Kinderehen-nach-Scharia-Recht-spalten-deutsche-Justiz.html

    2.) Bei den Steinigungen ist wahrscheinlich eine Broschüre des österreichischen Bundesministeriums für Bildung und Frauen mit dem Titel “Tradition und Gewalt an Frauen” gemeint.

    Dort heißt es auf Seite 17:

    “Schließlich weist auch die Durchführung der Steinigung selbst
    eindeutig Nachteile für Frauen auf, weil Männer nur bis zur Hüfte,
    Frauen hingegen bis zu den Schultern eingegraben werden.

    Dies ist bedeutend, weil im Falle des „Sich-Befreiens“ der (oder
    des) Verurteilten eine Begnadigung durchgesetzt werden kann. Dies
    ist bei Männern somit weitaus wahrscheinlicher.”

    https://www.bmbf.gv.at/frauen/gewalt/fin_Tradition_und_Gewalt_an_Frauen.pdf?4jj2r1

Lass eine Antwort da