Urlaub in Tirol: Wasser Marsch

Gepostet am von zediron
So sieht es aus: Unser Urlaubs-Ort, das Zillertal in Österreich.

So sieht es aus: Unser Urlaubs-Ort, das Zillertal in Österreich.

 

Urlaub in Tirol: Wasser Marsch

Fünf Tage Urlaub im Zillertal waren geplant. Das hat nicht geklappt

Musste sein: das Gletscher-Selfie.

Musste sein: das Gletscher-Selfie.

“Der kleine Herbst möchte aus dem Juli abgeholt werden.” Vielleicht war diese semi-originelle Aussage eines Radiosprechers die passendste, um das Dilemma unseres Familienurlaubs in prägnante Worte zu kleiden. Dabei waren die Voraussetzungen für einen gelungenen Familienurlaub durchaus gegeben.

Zelten wollten wir gehen, “weil ein Zelturlaub für unseren Sohn bestimmt schön wird”, wie meine Lebensgefährtin im Vorfeld argumentierte. Und sie hatte Recht. Natürlich ist ein Zelturlaub für einen Vierjährigen eine gute Idee. Vor allem auf einem fünf-Sterne-Campingplatz. Mit eigenem Sanitärbereich. Bedingung von mir.
Meine Freundin suchte das Zillertal im westlichen Österreich aus. Campingurlaub sollte auch nicht soooo teuer werden. Schließlich fahren wir im September nach Paris und Disneyland. Ein teurer Spaß. “Aber einen kleinen Urlaub können wir doch trotzdem machen, oder Schatz?”, fragte meine Freundin. Ich stimmte zu. Das Verhängnis nahm seinen Lauf.

 

Tag 1: Abfahrt

Ein Kämpfer für die Freiheit: Der Nordstaaten-General-Look passt zu mir.

Ein Kämpfer für die Freiheit: Der Nordstaaten-General-Look passt zu mir.

Samstag, 22.30 Uhr: Zeit im heimischen Ostfriesland ins Auto zu steigen und loszufahren. Wir wollten über Nacht fahren. Fast zehn Stunden Fahrt zeigte das Navi an. Aber weitestgehend freie Straßen, wenig Lkw, gute Voraussetzungen für eine problemfreie Fahrt quer durch Deutschland.

Ostfriesland verabschiedete sich mit einem standesgemäßen Gewitter. Donnergrollen, Blitze, brachialer Regen. “Fick dich ostfriesisches Wetter, wir fahren in die Alpen.” Schönwettergarantie. Zumindest zu fast hundert Prozent. War uns im Vorfeld erzählt worden. Weil Alpen, weil Berge. Da kann ja nichts schief gehen. Oder?

 

Tag 2: Ankunft

Blick auf unseren Campingplatz und den nahe gelegenen Ort: Der fünf-Sterne-Campingplatz "Aufentfeld" ist ein Traum.

Blick auf unseren Campingplatz und den nahe gelegenen Ort: Der fünf-Sterne-Campingplatz “Aufenfeld” ist ein Traum.

Gegen halb elf am Vormittag hatten wir den Campingplatz Aufenfeld im Zillertal erreicht. Die Sonne schien, die Tausende Meter hohen Berge, beeindruckend. Nicht nur für friesische Flachlandbewohner wie mich. Auch für meine Freundin. Immerhin Mittelgebirge gewöhnt. Ein bisschen Campingplatz erkunden.

Wenige Meter von unserem Standplatz entfernt stand ein Indoor-Spielplatz für Kinder. Mit Kinderbetreuung, ganz verschiedene Angeboten. Super. Jeden Abend Kinderkino. Auch nett. Ein paar Schritte weiter ein hübsch gestalteter Outdoor-Kinderspielplatz. Ganz gegenüber auf der anderen Seite des Campingplatzes stand eine Westernstadt mit Restaurant, Verkleideshop, ein paar Spielen, einem Sheriff. Schick. Dazwischen: ein großer Abenteuerspielplatz, Boulderhalle, Skatepark, Fußballfeld, ein weiteres Restaurant, Hüpffeld…
Jetzt aber Zelt aufbauen. Dauerte drei Stunden. Nicht, weil wir inkompetent waren. Zumindest nicht vollständig. Nur leider war unser Platz zum größeren Teil steinig. Und Zeltheringe in Stein rammen, ist eine Herausforderung. Vor allem ohne Hammer. Den bekamen wir noch geliehen. Half leider wenig. Als das Zelt das erste Mal fast völlig stand, mussten wir es wieder abreißen und neu aufbauen. Mist. Die Prozedur dauerte drei Stunden. Mist.
Du, mein Freund, warst vorzüglich: Pfeffersteak in der Westernstadt unseres Campingplatzes.

Du, mein Freund, warst vorzüglich: Pfeffersteak in der Westernstadt unseres Campingplatzes.

Danach ein bisschen um den Zeltplatz herum. Einen Berg hinauf. An einem Wasserfall vorbei. Am Aussichtspunkt gibt es eine Wasserquelle. Trinkwasser. Ziemlich kalt. Ganz nett. Aber nicht so beeindruckend, wie Benjamin Blümchen im Alpenurlaub suggerierte.
Wieder auf dem Zeltplatz bekamen wir mehr Wasser, als uns lieb war. Der erste Regenschauer. In unserem Zelt sammelte sich ein feuchtes Rinnsal. Total ätzend. Wir versuchten, unsere Kleidung zu retten. Gelang mäßig. Der Sonntag blieb feucht. Mal feuchter, mal weniger feucht. Aber niemals trocken.
Abends Pfeffersteak in der Westernstadt. Freundin aß einen Westerntopf, Sohnemann bestellte eine Pizza. Total lecker. Fantastisch zubereitet. Dazu Live-Musik und Line-Dancer. Sohnemann war begeistert. War auch nett.
Schlafen im plattgedrückten Zelt weniger. Freundin wechselte in ihr Auto. So stellt man sich Entspannung vor. Schlafen selbst ging. Umziehen war herausfordernd. Der nächste Tag wird bestimmt besser.

 

Tag 3: Ein Schloss und viele Familienmitglieder

Drei Stunden Tour hatten wir hinter uns und noch nicht alles gesehen: Schloss Ambras in Innsbruck.

Drei Stunden Tour hatten wir hinter uns und noch nicht alles gesehen: Schloss Ambras in Innsbruck.

Wurde er nicht. Montag begann mit Regen. Sohnemann ließ sich davon die Laune nicht verderben. “Papa, wir haben Brötchen gekauft.” Er strahlte über das ganze Gesicht. Ich kam gerade aus der Dusche. Sein strahlendes Gesicht ließ keinen wetterbedingten Missmut zu. Kaffee, warme Brötchen, Nutella: Wer kann da schon schlechte Laune haben?

Tagsüber wollten wir nach Innsbruck. Eigentlich wollten wir eine Gletschertour machen. Dafür waren wir zu langsam. Vor allem ich. Also Plan geändert und Innsbruck besuchen. Dort das altehrwürdige Schloss Ambras. Keine Führung, aber Audioguide. Den hütete Sohnemann. Er war begeistert von seiner Aufgabe. “Papa, zuhören!” Mir klingelt es noch in den Ohren. Ausstellungsobjekte sind vor allem Rüstungen, Waffen und sehr viele Porträts von Hohenzollern. Man, gab es da viele. Das Schloss ist toll. Aber irgendwann wurden es zu viele Hohenzoller. Wir gaben auf. Das dritte Stockwerk ließen wir aus. Da waren wir schon drei Stunden durch das Schloss gestiefelt.

Eine wunderschöne Prinzessin: Als Burggfräulein gebe ich eine gute Figur ab.

Eine wunderschöne Prinzessin: Als Burgfräulein gebe ich eine gute Figur ab.

Nachmittags besuchten wir ein großes Shopping Center. Selbst meine “Alexa”-erfahrene Freundin fand das groß. Jetzt bin ich kein Mensch, der gerne shoppen geht. Aber scheiß die Wand an und mach sie sauber, die haben einen “Elbenwald”. Nerdkram, ich komme. Zwei neue T-Shirts und ein Assassin’s-Creed-Armband waren meins. Danach ging es noch in einen Mediamarkt. Ich brauchte noch die Playstation-Move-Controller für die PS VR. Endlich fand ich sie. Hab sie gekauft. Müsste sie von der Steuer absetzen können. Das ich die brauche, lässt sich verargumentieren. Find ich.
Zurück auf dem Zeltplatz ging es in die Westernstadt. Wir hatten uns verliebt. Auch in die fesche Kleidung, die wir im Verkleidungsshop fanden. Ich wurde als Nordstaaten-General verkleidet. Ein Kämpfer für die Freiheit. Passt zu mir. Meine Freundin zog ein wallendes, rotes Kleid an. Eine Lady, wie sie im Prinzessinnenbuche steht. Passt zu ihr. Mein Sohn war der Sheriff. Passt zu ihm. Schließlich ist er in allen gemeinsamen Spielen der Gute. Super schön. Super süß.

 

Tag 4: Willkommen im Wolkenkuckucksheim

Über den Wolken... Ein Blick auf Wolken herunter hat etwas erdendes.

Über den Wolken… Ein Blick auf Wolken herunter hat etwas erdendes.

Am vierten Tag erklommen wir den Hintertuxer Gletscher. Jetzt aber wirklich. Zwei Seilbahnstationen fuhren wir hoch, mehr als 2600 Meter über dem Meeresspiegel. Eine dritte Station wäre noch gegangen. Leider hatten wir die Ticket-Dame missinterpretiert und sie so verstanden, als müssten wir uns für eine der drei Stationen entscheiden. Hätten wir nicht gemusst. Aber das peilten wir nicht. War egal, der Gletscher – und der Ausblick – waren eine Wucht. Wie klein die Welt wird, selbst wenn man sie nicht vom Flugzeug aus betrachtet. Wie banal und belanglos alltägliche Probleme aus der richtigen Höhe heraus wirken… Fantastisch.

Ein Gletscher wäre kein Gletscher, wenn keine Portion Schnee da rumliegen würden. Schnee im Juli. Im Juli. Schneeball geformt, Schneeball geworfen. Auf meine Freundin. Das musste sein. Sohnemann nahm die Herausforderung an. Er warf fünf auf mich. Ein Sheriff, wie er im Buche steht.

Wir gingen etwas essen. Kaiserschmarrn gab es für mich. Wenn schon Österreich, dann richtig. Sachertorte habe ich nicht gefunden. Nächstes Jahr.

Blick runter: Der Blick ins Zillertal war eine Wucht.

Blick runter: Der Blick ins Zillertal war eine Wucht.

Sohnemann fuhr Kettcar. Über den Wolken. Irgendwie absurd. Aber niedlich. Dann fing es an zu regnen. Verzeihung, es fing an zu schneien. Dazu muss man wissen, dass Schnee ein sehr seltener Anblick für den geneigten Ostfriesen ist. Im Regelfall löst der Anblick einer zarten Schneeflocke Panik und unerträglich langsames Autofahren aus. Mangels Auto blieb es bei der Panik. Der Ostfriese von heute ist schließlich anpassungsfähig.
Der Besuch auf dem Gletscher avancierte zum wörtlichen und sprichwörtlichen Höhepunkt unserer Österreich-Reise. Im nächsten Jahr planen wir, das Innere des Gletschers zu erkunden. Dort soll sich ein Eispalast befinden. Wie bei Disneys Eisprinzessin. Ob die Ösis lustig sind und einen Olaf nachgebaut haben?

 

Tag 5: Flucht

Die Reiter der Apokalypse: Ach nee, Hochzeitsreiter.

Die Reiter der Apokalypse: Ach nee, Hochzeitsreiter.

Der vierte Tag war versöhnlich gewesen. Es hatte abends zwar angefangen zu regnen und so langsam drangen seltsame Gerüche aus dem Zelt. Wir hatten zwischendurch unsere Wäsche gewaschen und im Trockner getrocknet, aber meine Freundin und ich entschieden uns am Abend des vierten Tages dennoch, bei Regen am Morgen des fünften Tages die Flucht aus dem Zillertal anzutreten. Am Morgen des fünften Tages regnete es. Wie originell. Mit dem Unterschied, dass es so gar nicht mehr aussah, als wolle dieser Regen noch einmal aufhören. Wir packten unsere Sachen. Wir flüchteten. Wir gaben uns geschlagen. Umzingelt von feindlichen Regentropfen blieb nur der vorzeitige Rückzug.

Der sollte mühsam werden. Wir wollten einen mehrtägigen Zwischenstopp bei der Mutter meiner Freundin einlegen. Nur sechs statt zehn Stunden Pkw-Fahrt. Es wurden neun. Platzregen, Staus, Staus mit Platzregen behinderten unsere Weiterfahrt. Eine Stunde vor Ankunft sahen wir die Sonne. Wie geblendete Maulwürfe ging der erste Griff zur Sonnenbrille. Sie existierte noch, die liebe Sonne. Ein paar Tage früher und wir hätten einen fantastischen Urlaub gehabt. So hatten wir einen ambivalent schönen Urlaub.
Geschlagen geben wir uns aber nicht. Nächstes Jahr kommen wir wieder. In einer Ferienwohnung. Und ich bringe Sonnencreme mit. Nicht umsonst, lieber Petrus, nicht umsonst!

 

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